Kämpferinnen gegen Corona


„Diese Fotos hätte ich gern selbst gemacht“, denke ich – im Krankenhaus Groß-Sand verantwortlich für die Unternehmenskommunikation – als die Mail mit Betreff „Female Jedi Ritters“ in mein Postfach flattert. „Auch eine Art, mit Cov-2 umzugehen“, heißt es im Begleittext kurz und knapp. Denn die beiden Kolleginnen auf den Fotos sind schwer bewaffnet: Mit Corona-Tests – bei uns im Krankenhaus derzeit eine der wichtigsten Maßnahmen im Kampf gegen das Virus.

Ich bin begeistert. Von so viel Spaß in einer ernsten Zeit. So viel Kreativität im Krankenhaus – und das ganz ohne unser Zutun. Also will ich mehr von den beiden Kolleginnen wissen. Wer verbirgt sich hier eigentlich hinter all der scharfen (übrigens teils von großartigen Menschen sowie großzügigen Firmen aus der direkten und indirekten Nachbarschaft gespendeten) Schutzausrüstung? Wie läuft das mit den Mitarbeiter-Testungen im Krankenhaus? Und wie kommt es eigentlich, dass gerade diese beiden mit den Röhrchen betraut sind?

Inspiriert von den mir zugespielten Jedi-Bildern hatte ich (aus meiner Sicht) galaktisch gute Fragen vorbereitet, um die Ritterinnen stilsicher und mit Wortwitz zu interviewen. Doch die Macht war nicht mit mir. Beim Klick auf Druck waren meine Notizen weg. Ich muss also improvisieren. Vielleicht sollte es so sein, denke ich dann. Denn wer einmal im Büro von unserer Personalschwester Rosemarie Schubert, kurz Rosi, sitzt, merkt: Hier ist sowieso wenig planbar. 

Ein Kollege benötigt Unterstützung beim Abstrich (irgendwie geht das ja auch ein Stück weit gegen unsere Natur, sich das Teststäbchen selbst möglichst tief in Nase und Rachen zu schieben, oder?). Kerstin Vogler, eigentlich in der geriatrischen Tagesklinik tätig, eilt ihm zur Hilfe. Das ist wichtiger als dieser Artikel! Das Telefon klingelt am laufenden Band. Mehr als einmal klopft es an der Tür – längst nicht immer geht es um Corona. „Als Personalschwester sind Impfungen, Einstellungsuntersuchungen, Blutabnahmen, die aktuell geforderten Nachweise über den Masernschutz und ganz viel Orga- und Papierkram mein täglich Brot“, erzählt Rosi über ihre ganz „normalen“ Aufgaben.

Corona heißt auch: Reden, reden, reden

Ich komme zurück auf die Jedi Ritterinnen, meine erste Frage fällt mir wieder ein. Braucht man im Kampf gegen Corona übermenschliche Fähigkeiten? Die Kolleginnen prusten in die FFP2-Masken und schießen gleichzeitig los: „Eher übermenschliche Geduld.“ Und damit meinen sie nicht nur, dass uns das Virus und all die damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen doch deutlich länger auf Trab halten als die meisten noch vor einem Jahr dachten: „Corona heißt für uns vor allem reden – reden – reden.“

Und dabei geht es häufig um die Abstriche – für viele Kolleg*innen mittlerweile tägliche (und nicht unbedingt geliebte) Routine. Muss es wirklich schon wieder ein Test sein? Muss dabei wirklich so tief „gestochert“ werden? Wann kommt der Anruf und was wenn sich keiner meldet? Klar: Die aktuelle Situation belastet. Besorgt. Nervt. Und wirft viele Fragen auf – auch so manche, die eigentlich schon längst beantwortet sind. Doch zumindest Schwester Rosi kennt sich mit Zuhören und manchmal auch gut zureden aus: „Ich verstehe mich auch als Kummerkasten – und sehe es als Zeichen von Vertrauen, wenn jemand mit seinen Sorgen zu mir kommt.“

Kerstin Vogler, im „normalen Leben“ Krankenschwester in unserer Tagesklinik, ist noch neu in der Rolle als Ansprechpartnerin (oder Blitzableiterin?) für Kolleg*innen. Aber: In einer Rolle neu sein, ist für sie nicht neu. Erzählt sie von ihrem Weg in Groß-Sand (und nicht nur einmal auch zurück zu uns) kann man gar nicht so schnell mitschreiben. Nach der Ausbildung kam die Chirurgie, daraufhin ein Exkurs in ZNA und Endoskopie, dann hat sie Groß-Sand verlassen, ist kurz darauf wieder angekommen („es fühlte sich gut an“), Innere und Geriatrie samt Leitungspositionen folgten und schließlich kam die Tagesklinik.

„Sie hassen mich für das, was ich tue – und sagen freundlich vielen Dank“

Ich sehe schon: Die Kollegin liebt und braucht die Abwechslung – und hat diese aktuell in Groß-Sand mal wieder gefunden. Als die Tagesklinik als eine der ersten Vorsichtsmaßnahmen vorübergehend (und leider bis dato) die Türen schloss, warteten neue Aufgaben. Am Haupteingang unseres Krankenhauses übernahm sie zunächst die Vor-Triage symptomatischer Patienten, dann auch die „Einlasskontrolle“ bei eingeschränkten Besuchszeiten bzw. Besuchsverbot.

Und mittlerweile zählen eben auch die eher ungeliebten, insbesondere von so manchen „großen Starken“ auch gefürchteten, Mitarbeiter-Tests zu ihrem Job. „Ich habe in den letzten Monaten unglaublich viel gelernt. Vor allem über die Menschen hier im Haus, die man in seiner kleinen „Tagesklinik-Welt“ doch eher selten zu Gesicht bekommt“, erzählt Kerstin. Eine ihrer Erkenntnisse: Groß-Sand ist ziemlich nett – auch wenn es gerade eigentlich gar nicht so nett ist und sie mal wieder mit dem Teststäbchen anrückt. „Die Kolleg*innen hassen mich für das, was ich tue – und sagen am Ende alle freundlich vielen Dank“, schmunzelt sie.

Und ja, es habe in der letzten Zeit auch schon die eine oder andere Auseinandersetzung gegeben. Sie erzählt von einigen, die sich – trotz aller Freiwilligkeit – beim Abstrich mit Händen und Füßen wehren. „Manchmal gar nicht lustig, weil nicht ungefährlich, wenn man gerade tief in der Nase ist“, erklärt sie. „Doch bisher gab es noch keine Situation über die wir nicht irgendwann auch lachen konnten.“

Rosi Schubert, eben noch am Telefon, steigt wieder in unser Gespräch ein. „Lachen ist ja sowieso das einzige, was in Zeiten wie diesen wirklich hilft. Und das ist auch ziemlich für uns: Spaß ist unser Ventil, wenn wir mal Luft bzw. Ärger rauslassen müssen – und bringt uns dann meist ziemlich schnell wieder zusammen.“

Nicht zum ersten Mal "in einem Boot"

Apropos zusammen: Wer mit Rosi Schubert und Kerstin Vogler an einem Tisch sitzt, kann sich schwer vorstellen, dass die beiden vor Corona kaum Berührungspunkte hatten. Obwohl: Eine ziemlich intensive und vor allem erinnerungswürdige Begegnung gab es da schon. Ich konzentriere mich sehr, die Geschichte vom Mitarbeiter-Aktiv-Wochenende, dem Kanu, dem Busch, „Pull“-Geschrei, vielen Käfern sowie kurzzeitig vergangenem und dann wiedergefundenem Lachen zu verstehen. Doch mir fehlt das Insider-Wissen und bei all dem Gelächter komme ich nicht mehr mit.

Egal, denke ich. Denn eins wird mir hier und heute zumindest klar: Wenn diese beiden Kolleginnen in einem Boot sitzen, darf es auch mal kräftig schaukeln. Es darf unbequem werden, vielleicht gibt es auch mal richtig Ärger. Doch am Ende werden sie die Situation als #tollesteam meistern und wieder richtig Kurs aufnehmen. Klar: Dieses Fazit lässt sich nicht eins zu eins auf aktuelle Herausforderungen übertragen. Es macht aber durchaus Mut in einer stürmischen Zeit.